Zeit ist nie für alle gleich

Menschen mit Behinderungen brauchen Informationen und Planungssicherheit

Was für andere selbstverständlich erscheint, kann mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden sein. Der Weg zur Arbeit dauert länger, weil Barrieren im öffentlichen Raum Zeit kosten. Arzttermine, Therapien, Assistenzplanung oder Anträge bei Behörden nehmen Stunden, manchmal Tage in Anspruch. Wer auf Unterstützung angewiesen ist, lebt oft in enger Abstimmung mit den Zeitplänen anderer. Der eigene Tagesrhythmus wird dadurch leichter fremdbestimmt. Zeit wird dann zu etwas, das nicht einfach verfügbar ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss.

Arbeitszeit, Freizeit, Elternzeit, die Zeit für die Organisation des Alltags, Lebenszeit und damit Zeit für Teilhabe ist mannigfaltig. Und schnell wird klar, wie ungleich Zeit verteilt sein kann. Arbeit bedeutet nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe, Anerkennung und soziale Zugehörigkeit. Doch noch immer stoßen Menschen mit Behinderungen auf Hürden im Berufsleben: unflexible Arbeitsmodelle, fehlende Barrierefreiheit, Vorurteile gegenüber ihrer Leistungsfähigkeit. Die Frage ist dabei nicht nur, ob jemand arbeiten kann, sondern unter welchen Bedingungen.  
Wer mehr Zeit für Wege, technische Hilfsmittel oder Regeneration braucht, passt oft nicht in starre Taktungen. Das Problem liegt dann nicht in der Person, sondern in einer Arbeitswelt, die Zeit zu eng definiert.

Eine Frage der Ressourcen
Auch Familienzeit ist nicht einfach nur eine Frage von Nähe und Liebe, sondern oft eine Frage von Ressourcen. Familien mit behinderten Angehörigen oder Eltern mit Behinderung in der Elternzeit erleben Zeit häufig unter einem besonderen Druck. Pflege, Begleitung und Organisation strukturieren den Alltag. Spontaneität wird schwieriger, freie Zeit kostbarer. Gleichzeitig ist gerade diese Familienzeit oft von großer Intensität. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und Kraft. Was von außen nach Belastung aussieht, ist im Inneren vieler Familien auch Ausdruck tiefer Verbundenheit. Dennoch bleibt die Frage, warum so viel private Zeit aufgewendet werden muss, um Lücken zu füllen, die gesellschaftlich besser abgesichert sein könnten.

Und dann ist da die Freizeit, jener Bereich, der eigentlich Freiheit verspricht. Zeit ohne Zweck, ohne Pflicht, ohne genaue Erwartung. Doch auch Freizeit ist nicht für alle gleich zugänglich. Wer auf barrierefreie Orte, Begleitung oder bestimmte Infrastruktur angewiesen ist, erlebt schnell, dass Erholung von Bedingungen abhängt. Der Kinobesuch, die Reise, der Sportkurs oder das Treffen mit Freunden müssen oft genauer geplant werden als bei anderen. Manchmal scheitert Freizeit nicht am Wunsch, sondern an Treppen, fehlenden Informationen oder mangelnder Rücksicht. 

Zeit ist Leben. Und die Art, wie eine Gesellschaft mit der Zeit von Menschen mit Behinderungen umgeht, sagt viel darüber aus, wie ernst sie Gleichberechtigung wirklich nimmt.  

Günter Thielgen, BAR e. V.