Zeit für Entwicklung
Berufliche Bildung im Berufsbildungswerk

Geschäftsführerin
Bundesarbeitsgemeinschaft
der Berufsbildungswerke e. V.
Unsere Arbeitswelt verändert sich gerade in einem Tempo, das vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Neue Technologien, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz – vieles wird schneller, effizienter, messbarer. Zeit wird dabei zur knappen Ressource. Dabei ist Zeit gerade in Berufsbildungswerken (BBW) eine Schlüsselressource. Denn sie gibt jungen Menschen mit Behinderungen oder besonderem Unterstützungsbedarf Zeit, ihre eigenen Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln. Sowohl für ihren beruflichen Werdegang als auch für ihre persönliche Entwicklung. Das geht nur im eigenen, persönlichen Tempo, für das BBW die Rahmenbedingungen bereithalten.
Als Lern- und Lebensorte bieten Berufsbildungswerke einer wachsenden Zahl von jungen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen Entwicklungsräume, in denen sie Vertrauen zu sich selbst aufbauen, ihre Beeinträchtigung als Stärke erkennen und den für sie passenden Beruf erlernen. Der 360-Grad-Ansatz in BBW macht ihre Angebote der Berufsvorbereitung und Ausbildung so erfolgreich. Neben den beruflichen Fertigkeiten steht die Entfaltung der Persönlichkeit, die Stärkung der individuellen Fähigkeiten sowie die Stabilisierung der psychischen und/oder physischen Gesundheit im Vordergrund. Während ihrer Zeit im BBW werden die jungen Menschen zudem auf ein selbstständiges Leben vorbereitet. Alle Berufsbildungswerke bieten Wohnmöglichkeiten und Freizeitangebote an. Auch das ist Teil beruflicher Bildung. Denn wer lernt, seinen Alltag selbstständig zu gestalten, gewinnt Sicherheit – nicht nur im Beruf, sondern im gesamten Leben. Vom ersten eigenen Einkauf bis zur Planung des Wochenendes wächst Schritt für Schritt die Selbstständigkeit.
“Durch die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme
konnte ich nicht nur meine fachlichen Kompetenzen erweitern,
sondern auch mein Selbstbewusstsein stärken.”
Leonie Zimmermann aus dem Berufsbildungswerk Hettstedt
Heute haben rund 65 Prozent der Teilnehmenden in Berufsbildungswerken eine psychische Beeinträchtigung. Das verändert den Blick auf Ausbildung deutlich. Ängste, Depressionen, Lernschwierigkeiten oder instabile Phasen gehören für viele zum Alltag. Das lässt sich nicht beschleunigen oder „wegtrainieren“. Es braucht verlässliche Strukturen, stabile Beziehungen – und vor allem Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und die passenden Strategien zu finden.
"Das Berufsbildungswerk hat mir viele Türen geöffnet
– für mich persönlich, für mein Selbstbewusstsein und meinen Beruf."
Katana Schmidt, Berufsbildungswerk Südhessen
Besonders deutlich wird das in den Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB). Jugendliche brauchen unterschiedlich lange Zeit, um herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Sie probieren sich aus, sammeln erste praktische Erfahrungen – manchmal mit schnellen Erfolgen, manchmal mit Umwegen. Mit dem neuen Fachkonzept der Bundesagentur für Arbeit von 2022 ist dieser zeitliche Rahmen erweitert worden: Die BvB kann inzwischen bis zu 24 Monate dauern. Tendenziell wird diese Verlängerung häufiger in Anspruch genommen.
Nicht selten beginnen junge Menschen mit Behinderung mit einer Fachpraktikerausbildung. Diese ist theoriereduziert und ebenso staatlich anerkannt. Mit wachsender Sicherheit, neuen Erfahrungen und der passenden Begleitung trauen sich viele, den Übergang in eine Vollausbildung zu. Sie wechseln noch während der Fachpraktikerausbildung in den so genannten Vollberuf. Solche Übergänge sind ein echter Bildungserfolg. Und sie sind keine Ausnahme und gleichzeitig ein Ausdruck dessen, was möglich wird, wenn Entwicklung Zeit bekommt.
"Durch die Zeit im Berufsbildungswerk bin ich viel erwachsener
geworden und weiß nun, welchen Job ich machen will."
Marcel Himstedt, Berufsbildungswerk Potsdam
An diesen Aussagen wird deutlich: Beruflicher Erfolg und persönliche Reife lassen sich kaum voneinander trennen. Das eine entsteht selten ohne das andere – und beides braucht Zeit. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels lohnt sich dieser Blick. Denn wer jungen Menschen die notwendige Zeit gibt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, verliert nichts – sondern gewinnt Stabilität, Qualifikation und langfristige Perspektiven. Berufsbildungswerke arbeiten seit vielen Jahren genau mit diesem Ansatz: nicht schneller, sondern passgenau. Nicht standardisiert, sondern individuell.
