„Wenn andere das schaffen, kann ich das vielleicht auch.“

Ein Interview mit Bloggerin Lea Voitel zu Freizeit und Auszeit

Warum sind Freizeit und Auszeit so wichtig? Und warum ist es wichtig, sie selbstbestimmt gestalten zu können?

Freizeit ist kein „Nice-to-have", sie ist Erholung, Teilhabe und Identität. In meiner Beratung erlebe ich immer wieder: Wer Freizeit aktiv und selbstbestimmt gestalten kann, gewinnt Lebensqualität, Gesundheit und soziale Kontakte. Es geht nicht um Luxus, sondern um ein Grundbedürfnis. Selbstbestimmung in der Freizeit beginnt bei verlässlicher Assistenz, erreichbaren Orten und klaren Rechten. Wenn diese Basis stimmt, werden Konzerte, Reisen oder ein Cafébesuch zu echten Kraftquellen – und zwar zu meinen Bedingungen, nicht zu fremden. Ich will neue Orte sehen, meinen Horizont erweitern, meine Grenzen regelmäßig verschieben und zeigen, was möglich ist. Gerade Menschen mit Behinderung leben oft mit einer enormen Doppelbelastung im Alltag, beispielsweise durch körperliche Schmerzen oder ständige Organisation der Assistenz – sie brauchen dringend und regelmäßig Erholung.

In Zeiten von Spardiskussionen werden Freizeit- und Kulturangebote schnell in Frage gestellt. Nehmen Sie das auch so wahr?

Ja. Sobald gespart wird, geraten „weiche“ Bereiche wie Kultur, Freizeit und freiwillige Leistungen als Erstes unter Druck. Ich sehe das in Anträgen, in Pooling-Debatten und bei pauschalierten Leistungen, die individuelle Bedarfe glätten wollen. Für Menschen mit Behinderung ist das brandgefährlich: Teilhabe wird als „Bonus“ gerahmt, obwohl sie ein Recht ist. Wenn Wahlfreiheit bei Wohn- oder Assistenzformen aufgeweicht wird, trifft das am Ende auch Freizeit – spontane Konzertbesuche, Wochenendtrips oder ein Ausflug ins Lieblingscafé werden dann zu bürokratischen Projekten. Mein Appell: Nicht bei Menschen sparen. Teilhabe kostet weniger als Exklusion.

Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Urlaubsplanung für Menschen mit Behinderungen?

Eine der größten Herausforderungen ist es, verlässliche Informationen zur Barrierefreiheitzu bekommen. Viele Unterkünfte werben mit Begriffen wie „rollstuhlgerecht“ oder „barrierefrei“, ohne konkreteAngaben zu machen. Für Menschen mit Behinderungen sind jedoch Details wie Türbreiten, die Ausstattung von Dusche und Toilette, Bett- und Transferhöhen, Aufzüge oder Notfallroutinen entscheidend. Gleichzeitig gibt es auch Unterkünfte, die sehr gut barrierefrei sind, dies aber kaum kommunizieren. Dadurch bleiben viele geeignete Reiseziele unentdeckt.

Hinzu kommt die Organisation der persönlichen Assistenz. Wer auf Assistenz angewiesen ist, muss nicht nur die eigene Reise planen, sondern häufig auch Schlafplätze, Dienstzeiten, Vertretungen und die Finanzierung der Assistenz organisieren. Dabei spielen das Persönliche Budget oder andere Leistungsträger eine wichtige Rolle. Die Urlaubsplanung wird dadurch schnell zu einem komplexen Projekt.

Auch die Mobilität vor Ort stellt viele Reisende vor Herausforderungen. Eine Reise kann noch so gut geplant sein – wenn der Bahnsteig nicht zugänglich ist, der Aufzug ausfällt oder kein barrierefreies Taxi verfügbar ist, kann die gesamte Reise beeinträchtigt werden. Oft entscheidet die sogenannte „letzte Meile“ darüber, ob ein Urlaub gelingt oder nicht. Deshalb ist es wichtig, immer einen Plan B zu haben. Defekte Aufzüge, technische Probleme mit Hilfsmitteln oder ein verlorenes Handy können schnell zu Schwierigkeiten führen. Ohne Alternativen wird Selbstbestimmung oft zur Belastungsprobe.

Für mich hat sich deshalb ein sehr praktisches Vorgehen bewährt. Ich telefoniere vorab lieber mit Unterkünften und Veranstaltern, anstatt mich ausschließlich auf E-Mails zu verlassen. Außerdem lasse ich mir Fotos oder Videos der Zimmer schicken, kläre die Maße für Transfers, prüfe die Stornierungsbedingungen und plane An- und Abreise möglichst so, dass bei Problemen noch Alternativen bestehen. Auf Handicaptation zeige ich, wie Reisen mit Assistenz konkret gelingen können – von Nordnorwegen bis Abu Dhabi oder Lissabon. Damit die Planung leichter wird, habe ich außerdem eine kostenlose Urlaubs-Checkliste entwickelt, die Menschen mit Behinderungen bei der Reisevorbereitung unterstützt (siehe Kasten).

Erleben Sie Menschen mit Behinderungen, die sich gar nicht erst trauen, Urlaub zu machen?

Ja, das erlebe ich sehr häufig. Viele Menschen mit Behinderungen haben bereits negative Erfahrungen gemacht, mussten sich mit unklaren Informationen oder komplizierten Antragsverfahren auseinandersetzen und verlieren dadurch das Vertrauen in die eigene Reiseplanung. Die Angst vor unerwarteten Barrieren oder organisatorischen Problemen führt oft dazu, dass Reisen gar nicht erst in Betracht gezogen werden.

Ich empfehle deshalb, zunächst mit kleinen Schritten zu beginnen. Nicht jede Reise muss sofort ans andere Ende der Welt führen. Ein barrierefreies Konzert, ein Tagesausflug oder ein Wochenende in einer nahegelegenen Stadt können wichtige Erfolgserlebnisse sein. Jeder Mensch fängt irgendwann einmal klein an.

Außerdem hilft es, Unsicherheiten durch konkrete Informationen zu ersetzen. Checklisten, gezielte Fragen an Hotels und Veranstalter sowie Fotos oder Grundrisse von Räumen schaffen Sicherheit und reduzieren Ängste. Je besser die Planung vorbereitet ist, desto größer wird das Vertrauen in die eigene Reise.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine gute Vorbereitung auf mögliche Schwierigkeiten. Klare Assistenzpläne, Notfallkontakte, medizinische Unterlagen und kleine Reparatur- oder Hilfsmittelsets können viel Sicherheit geben. Wer weiß, dass es einen Plan B gibt, traut sich häufig deutlich mehr zu.

Besonders wichtig ist aus meiner Sicht aber der Austausch mit anderen Betroffenen. Wenn Menschen sehen, dass andere mit ähnlichen Voraussetzungen reisen, Konzerte besuchen oder Abenteuer erleben, entsteht oft der Gedanke: „Wenn sie das schaffen, kann ich das vielleicht auch.“ Genau deshalb teile ich auf Handicaptation regelmäßig Reiseerfahrungen, Veranstaltungsberichte und Best-Practice-Beispiele, um Mut zu machen und konkrete Wege aufzuzeigen. 

Mit welchen Anliegen kommen Menschen mit Behinderungen zu Ihnen?

Viele Menschen wenden sich an mich mit Fragen zur persönlichen Assistenz im Alltag und auf Reisen. Dabei geht es häufig um die Antragstellung, die Organisation von Assistenz im eigenen Zuhause oder unterwegs sowie um die Rolle als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber. Auch Themen wie Dienstpläne, Vertretungsregelungen und Qualitätsstandards spielen eine wichtige Rolle.

Ein weiteres zentrales Thema ist das PersönlicheBudget. Viele Menschen möchtenwissen, welche Voraussetzungen erfülltsein müssen, wie die Bedarfsermittlungfunktioniert oder welche Möglichkeitensie haben, wenn ein Antrag abgelehnt wird. Oft geht es dabei auch um die Frage, wie mehr Selbstbestimmung im Alltag erreicht werden kann. Darüber hinaus berate ich regelmäßig zu Freizeit, Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe. Viele Menschen möchten wissen, welche Rechte sie hinsichtlich Barrierefreiheit und angemessener Vorkehrungen haben. Häufig geht es um Begleitpersonenregelungen, barrierefreie Veranstaltungsorte oder die Kommunikation mit Veranstaltern. Dabei vermittle ich nicht nur rechtliche Grundlagen und praktische Erfahrungen aus meinem eigenen Alltag. Auch der Auszug aus dem Elternhaus, selbstständiges Wohnen und Mobilität gehören zu den häufigsten Beratungsanliegen. Viele Menschen wünschen sich mehr Unabhängigkeit und Spontaneität, wissen aber nicht, welche Unterstützungsangebote ihnen zustehen oder wie sie diese organisieren können.

Meine Online-Peer-Beratung ist bewusst niedrigschwellig gestaltet. Sie findet digital statt und ist dadurch zeitlich flexibel sowie für viele Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gut erreichbar. Dabei verbinde ich Empowerment mit ganz konkreten Handlungsschritten – von der ersten Antragstellung über den Aufbau eines Assistenzteams bis hin zur Planung einer selbstbestimmten Reise. Mein Ziel ist es, Menschen nicht nur zu informieren, sondern sie als Sozialarbeiterin und Peer-Beraterin auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu begleiten.

Internetauftritt von Lea Voitel: 
www.handicaptation.de 
Beratung, Vortrag oder Workshop anfragen? 
https://www.handicaptation.de/leistungen
Reisetipps, Erfahrungen auf Konzerten und Events: 
https://www.handicaptation.de/deine-freizeit
Urlaubscheckliste zum Download hier