Wie wird das Reha-System fit für die Zukunft?

3 Fragen an Nadine Schönwald, Kathrin Hendricks und Kerrin Stumpf

Gesetzlich getrennt, aber im Alltag für Menschen mit komplexen Bedarfen oft von zentraler Bedeutung – Wie kann es gelingen, bedarfsgerechte und zeitgemäße Reha- und Pflegeleistungen sicherzustellen und damit gesellschaftliche Teilhabe zu fördern? Ein Interview mit Nadine Schönwald, Kathrin Hendricks und Kerrin Stumpf.

1 Wo liegen nach Ihrer Ansicht die Berührungspunkte von Reha und Pflege in unterschiedlichen Lebenslagen?

Schönwald: Ich lebe selbst mit einer Behinderung und arbeite als Führungskraft in einem Konzern. Beides gehört für mich zusammen. Reha hat mir geholfen, arbeitsfähig zu bleiben, meinen Alltag zu gestalten und meinen Job zu machen. Reha und Pflege begegnen sich immer dann, wenn Menschen Unterstützung brauchen, um ihr Leben so zu führen, wie sie es möchten. Das ist kein Ausnahmefall. Das ist ganz normales Leben.

Hendricks: In der Altenpflege bestehen vielfältige Berührungspunkte zwischen Rehabilitation und Pflege, insbesondere im Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner. Nach Krankenhausaufenthalten oder bei gesundheitlichen Verschlechterungen wird deutlich, dass neben Pflege auch Unterstützung zur Wiedergewinnung oder zum Erhalt von Fähigkeiten notwendig ist, beispielsweise beim Gehen, Anziehen oder Essen. Therapeutische Pflege mit rehabilitativen Anteilen (TheraCare) greift genau hier an, indem sie alltägliche Pflegesituationen gezielt nutzt, um Fähigkeiten zu fördern, statt nur Defizite auszugleichen. Reha und Pflege überschneiden sich somit immer dann, wenn es um den Erhalt oder die teilweise Wiederherstellung von Selbstständigkeit geht.

Stumpf: Diese Bereiche berühren sich aus Sicht der Familien mit einem behinderten Angehörigen stark. Pflegende Eltern benötigen Reha-Angebote zum Erhalt ihrer Kräfte. Es gibt zu wenig Angebote und barrierefreie Einrichtungen, wenn sie ihre Kinder mitnehmen bzw. keine Kurzzeitpflege, insbesondere für junge Menschen mit Pflegebedarf. Der Zugang zur Eingliederungshilfe ist erschwert. Die Behördenverfahren dauern zu lange. Auch fehlen Angebote, beispielsweise wegen der unterschiedlichen Anrechnungen von Einkommen und Vermögen im SGB IX und SGB VIII bei jungen Leistungsberechtigten. Die Schnittstelle von Eingliederungshilfe und Pflege ist auszuloten. Es braucht den vollen Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung für alle Menschen, auch in besonderen Wohnformen.

2 Wo müssen Reha- und Pflege bzw. Leistungen besser zusammenwirken, gerade mit Blick auf die Teilhabe, wenn Bedarfe aus beiden Systemen sichtbar werden?

Schönwald: In meinem Arbeitsumfeld erlebe ich, dass Kolleginnen und Kollegen oft gar nicht wissen, welche Unterstützung es überhaupt gibt. Das fängt schon vor der Frage der Zuständigkeit an. Wer kennt sich wirklich aus im Dschungel der Leistungen, Träger und Anträge? Die meisten Menschen stoßen erst dann auf das System, wenn sie es dringend brauchen, und dann ist die Orientierung besonders schwer. Dabei geht es oft gar nicht um besonders aufwendige Situationen, sondern um ganz alltägliche Bedarfe: ein Hilfsmittel, eine Anpassung am Arbeitsplatz, eine begleitende Therapie. Wenn dann noch unklar ist, wer zuständig ist, verlieren Menschen wertvolle Zeit und Energie.

Hendricks: Ein besseres Zusammenspiel ist vor allem im Pflegealltag notwendig. Während Reha häufig zeitlich begrenzt ist, erfolgt Pflege dauerhaft – dadurch bleiben Potenziale oft ungenutzt. Pflegekräfte nehmen eine zentrale Rolle ein, da sie Veränderungen frühzeitig erkennen und kontinuierlich fördern können. Wichtig ist, dass diese Beobachtungen systematisch einfließen und ernst genommen werden. Gemeinsame Zielsetzungen, regelmäßiger Austausch mit Therapeutinnen und Therapeuten sowie Ärztinnen und Ärzten sowie einfache Zugänge zu Reha-Maßnahmen sind entscheidend, um Teilhabe zu sichern und zu stärken.

Stumpf: Pflege und Teilhabe gehören zusammen im Leben der Menschen. In der Praxis erleben Leistungsberechtigte das Verschieben von Verantwortung für die Deckung von Bedarfen. Die Gesamtplankonferenzen sind ein erster Schritt, noch ist die Wirkung nicht voll entfaltet im Sinne der Bedarfsdeckung. „Mit Schiet inne Büx ist Teilhabe nicht möglich.“ Pflege muss gesichert sein mit dem vollen, gleichberechtigten, wirksamen Zugang zur Teilhabe. Und: Wenn Reha-Bedarfe angemeldet werden, darf nicht die Reha-Fähigkeit zu früh in Frage gestellt werden, wenn die Tertiär-Reha für pflegende Angehörige infrage kommt. Hier müssen Träger sowie Ärztinnen und Ärzte proaktiv Familien stärken.

3 Welche politischen bzw. rechtlichen Maßnahmen sind notwendig, um Pflege und Reha gemeinsam zu stärken und die Versorgung in Deutschland zu verbessern?

Schönwald: An erster Stelle steht für mich Transparenz. Menschen müssen wissen, was es gibt und wo sie anfangen sollen. Eine verlässliche Anlaufstelle, die nicht nur weitervermittelt, sondern wirklich begleitet, wäre ein konkreter Schritt. Und ich wünsche mir, dass Menschen mit eigener Erfahrung stärker einbezogen werden, wenn Versorgung gestaltet wird. Wir wissen, was im Alltag funktioniert. Dieses Wissen sollte mehr zählen.

Hendricks: Um Pflege und Rehabilitation gemeinsam zu stärken, braucht es sowohl strukturelle als auch rechtliche Veränderungen, die sich stärker an der Praxis der Altenpflege orientieren. Pflege sollte klar als präventiv und rehabilitativ wirksame Leistung anerkannt werden. Zudem müssen die Regelungen zwischen Krankenversicherung (SGB V) und Pflegeversicherung (SGB XI) besser verzahnt werden, damit Maßnahmen nicht an Zuständigkeitsgrenzen scheitern. Gleichzeitig braucht es bessere Rahmenbedingungen im Pflegealltag: mehr Zeit, Qualifizierung und Handlungsspielraum für Pflegefachkräfte. Verbindliche Kooperationsstrukturen und interprofessionelle Zusammenarbeit sind zentral, damit Pflege, Therapie und Medizin besser ineinandergreifen. Auch die Finanzierung sollte so gestaltet werden, dass fördernde Pflege nicht benachteiligt wird. Eine stärkere personelle Ausstattung und rehabilitativ ausgerichtete Pflege führen dabei nicht zu höheren Gesamtkosten, sondern können diese langfristig senken, indem Pflegebedürftigkeit hinausgezögert und Krankenhausaufenthalte vermieden werden.

Stumpf: Eine Stelle für alle Bewilligungen, Hilfsmittel, Teilhabeassistenz, Pflegeleistungen, Entlastungen, Zugang zu weitergehenden Hilfen, das wünschen sich Familien. Die Pflegeversicherung sollte die Situation von Familien mit jungen Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf besonders in den Blick nehmen, präventive Reha, frühzeitige Entlastungen und Vermittlung des Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe sind hier notwendige Maßnahmen, die nachhaltig wirken.