Erstes Podium und Workshop-Runde 1: Reha und Pflege im Alltag

Unterschiedliche Perspektiven und Standpunkte

Mit Perspektiven auf Reha und Pflege im Alltag in der eröffnenden Podiumsrunde wurden erste fachliche Akzente gesetzt. Kerrin Stumpf (Leben mit Behinderung Hamburg, Elternverein), selbst pflegende Mutter eines mehrfach behinderten Kindes, stellte heraus, es gebe mit Blick auf Berufstätigkeit von pflegenden Angehörigen zu wenig Reha-Angebote. Vor allem müssten Angebote der mobilen Reha ausgebaut werden und, was den Begriff der Pflegebedürftigkeit angeht, sei jener "viel zu wenig teilhabeorientiert". Uwe Frevert (Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.), er selbst ist auf Reha- und Pflegeleistungen angewiesen, stellte das Recht und die Verantwortung des selbstbestimmten Lebens heraus, auch und gerade im Kontext älterer Menschen. Er bezeichnete die häusliche Pflege als “den größten Pflegedienst des Landes” und monierte, dass die Finanzströme mit Blick auf stationäre und häusliche Pflege "nicht gerecht" seien. 

Dr. Nedye Naumann (Volkswagen AG, Gesundheit) brachte die Arbeitgeber-Perspektive ein, insbesondere zum Thema arbeitsbedingte Erkrankungen. Wichtig sei es, alle Menschen in Arbeit zu halten. Insbesondere psychische Erkrankungen müssten verstärkt in den Blick genommen und passende Leistungen und Angebote ausgeweitet werden. Die Runde war sich einig, dass in sämtlichen Kontexten vor allem auch behördliche und bürokratische Hürden merklich gesenkt werden müssen.

Anknüpfend an die Alltagsperspektiven beleuchteten die Teilnehmenden im Rahmen von drei praktischen Workshops unterschiedliche thematische Schwerpunkte. Hier standen Fragen im Mittelpunkt, wie und an welchen Stellen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen besser unterstützt werden können. Ob ältere pflegebedürftige Menschen, Personen mit komplexen Behinderungen im Arbeitsleben bzw. auf dem ersten Arbeitsmarkt oder Erwerbstätige, die nach Krankheit oder Unfall Unterstützung benötigen: Betroffene erhalten nicht selten keinen oder nur erschwert Zugang zu den passenden Leistungen – die es häufig sogar gibt, die aber im nebulösen Dickicht des Systems unzugänglich bleiben.

Die Themen der Workshops an Tag 1

Reha und Pflege in unterschiedlichen Lebenssituationen

"Reha und Pflege in Arbeit und Ausbildung": Fachlicher Input Frau Schönwald (Unternehmensforum)
"Reha und Pflege im höheren Lebensalter": Konzept Rehabilitative Pflege des Haus Ruhrgarten
"Reha bei pflegenden Angehörigen": Fachlicher Input Frau Stumpf (Leben m. Behinderung Hamburg, Elternverein)

Ideen und Ergebnisse aus den Workshops

Klicken Sie auf die einzelnen Fotos, um die Ergebnisse zu vergrößern.

 

 

GKV-Spitzenverband: Impuls von Oliver Blatt

Blick aus Sicht der Kranken- und Pflegekassen

Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands, sprach die signifikante Kostensteigerung der Ausgaben im Gesundheitswesen an. Dennoch plädierte er für die Erhaltung und nachhaltige Stärkung des stabilen und solidarisch geprägten Systems der sozialen Sicherung und betonte die Notwendigkeit der Weiterentwicklung in der Zukunft. Allein mit Einsparungen komme man trotz des aktuellen Kostendrucks nicht zu Innovationen, man solle vielmehr genau schauen, "wie bzw. wo das Geld ausgegeben wird". 

Die Digitalisierung biete mit Blick in die Zukunft "großes Potenzial, Prozesse zu entschlacken" und "vorhandene Mittel zielgenauer einzusetzen". Ebenso sprach sich Blatt für den Ausbau der mobilen Rehabilitation aus und für den Rechtsanspruch auf Reha-Leistungen für pflegende Angehörige.

Podium der Reha-Träger: Pflege mit in den Blick nehmen

Wissenschaft und Recht erweitern den Blickwinkel

In der zweiten Podiumsrunde des BAR-Fachgesprächs boten die Reha-Träger eine Einschätzung zur aktuellen Versorgung in Deutschland und zu möglichen Visionen, Pflegebedarfe- und Leistungen mit anzudenken. Moderatorin Tina Groll begrüßte neben Oliver Blatt Thomas Hild-Füllenbach (Mitglied Geschäftsführung DRV Hessen), Klaus Büscher (DGUV) und Gabriele von Berg (BAGüS). Von Berg wünschte sich mit Blick auf das Säulensystem der sozialen Sicherung mehr Durchlässigkeit und vor allem vernetztere Leistungsträger; bessere Zusammenarbeit komme den Menschen zugute. 

Hild-Füllenbach betonte, dass statt neuer Gesetze die bestehenden weiter vereinfacht werden sollten, "um in der Praxis besser gelebt zu werden". Die Verwaltungskosten seien außerdem zu hoch. Gegen den Wust an Bürokratie müsse der Weg für die Versicherten zur Leistung einfacher werden, stellte Klaus Büscher klar. Der in Entwicklung befindliche, trägerübergreifende digitale Reha-Antrag der BAR sei hier "ein guter Ansatz, den alle Reha-Träger mittragen" sollten.

Die Impulsvorträge aus der Wissenschaft von Dr. Grit Braeseke, Bereichsleiterin Pflege am IGES Institut, und von Prof. Dr. Ursula Waßer, Richterin am BSG Kassel, erweiterten die Perspektiven auf beide Versorgungssysteme um weitere interessante Aspekte. Braeseke erläuterte, dass im Jahr 2024 immerhin 87.000 pflegebedürftige Menschen auch eine Reha-Empfehlung bekommen hätten, nur 30 Prozent jedoch hätten Reha in Anspruch genommen. Eventuell sei, so Braeseke, "der Zeitpunkt der Begutachtung ungeeignet für eine Reha-Empfehlung". "Ist aktivierende Pflege denn schon Reha?" fragte Dr. Waßer sich und die Teilnehmenden des BAR-Fachgesprächs 2026 und warf in ihrem Vortrag unter anderem die Problematik auf, dass z.B. der Reha-Bedarf, den der Medizinische Dienst feststellt, "nicht noch einmal vom Reha-Träger geprüft" werde. Ein weiterer Verweis auf eine der zahlreichen Schnittstellen von Reha und Pflege.

Hier geht's weiter!

So lief der zweite Tag...

                                                                                           Fotos: Mario Zgoll