5 Fragen an Katharina Wüst

Gehörlos und politisch aktiv

1. Welche Beweggründe haben Sie in die Politik geführt und was hat Sie dabei besonders geprägt?

Mich hat vor allem mein eigener Lebensweg in die Politik geführt. Als taube Frau habe ich früh erfahren, wie viele Barrieren es in unserer Gesellschaft gibt, in der Bildung, im Berufsleben, im Alltag und auch in der politischen Teilhabe. Oft musste ich mir Zugänge sehr hart erkämpfen, die für andere selbstverständlich sind. Diese Erfahrungen haben mich geprägt und meinen Wunsch nach Gerechtigkeit, den ich schon immer hatte, zusätzlich verstärkt. Geprägt haben mich Menschen, die trotz Widerständen Verantwortung übernommen haben; insbesondere engagierte Frauen, die für soziale Gerechtigkeit eingetreten sind. Sie haben mir gezeigt, dass politische Veränderung möglich ist, wenn man dranbleibt. Das ist mein Anliegen als Bundestagsabgeordnete: das Leben der Menschen in Deutschland einfacher zu machen durch besseren Zugang zu Leistungen und ein gerechtes Sozialsystem – für alle.

2. Welche Rolle spielt die Gebärdensprache für Ihre politische Arbeit und Ihre Teilhabe im Parlament – und wo stoßen Sie auf Grenzen?

Die Deutsche Gebärdensprache ist meine Erstsprache und zentral für meine politische Arbeit und Kommunikation. Dank Simultanübersetzung in Deutscher Gebärdensprache kann ich im Bundestag gleichberechtigt kommunizieren, Debatten verfolgen, mich aktiv einbringen und Entscheidungen mitgestalten. Deutsche Gebärdensprache ist keine „Hilfe“, sondern eine Grundlage für gleichberechtigte und vollständige Teilhabe. Gleichzeitig stoße ich noch immer auf Grenzen: Nicht alle Situationen sind barrierefrei, und die Bereitstellung von Dolmetschenden muss oft erkämpft werden. Auch spontane politische Gespräche sind nicht immer zugänglich. Das zeigt: Barrierefreiheit ist noch keine Selbstverständlichkeit, und genau hier setze ich mich ein.

3. In der politischen Arbeit geht es oft darum, „eine gemeinsame Sprache zu finden“. Eröffnet die Gebärdensprache vielleicht auch neue Perspektiven auf Kommunikation und gegenseitiges Verständnis allgemein und unter Kolleginnen und Kollegen?

Ich erlebe die Zusammenarbeit im Bundestag überwiegend sehr positiv. Viele Kolleginnen und Kollegen begegnen mir mit großer Offenheit, Respekt und echtem Interesse. Eine bewusste Kommunikation schafft dabei Raum für mehr Aufmerksamkeit und gegenseitiges Verständnis. Die Deutsche Gebärdensprache eröffnet neue Perspektiven: Sie ist visuell, präzise und unmittelbar. Das fördert Klarheit und Achtsamkeit im Austausch und macht deutlich, dass gute Kommunikation weit über gesprochene Worte hinausgeht. Dadurch wachsen Respekt, Verständnis und Vertrauen.

4. Welche Rolle spielen Bildung, Medienzugang und barrierefreie Informationsvermittlung für die politische und gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen?

Sie sind absolut entscheidend und das A und O gleichberechtigter Teilhabe! Barrierefreie Bildung und der Zugang zu Informationen in Deutscher Gebärdensprache eröffnen tauben Menschen die Möglichkeit, politische und gesellschaftliche Prozesse aktiv mitzuerleben und mitzugestalten. Nachrichten, politische Debatten und Wahlprogramme werden dadurch verständlich und erreichbar. Medien in Gebärdensprache und mit Untertitelung sind keine Sonderwünsche, sondern selbstverständlich und stärken unsere Demokratie. Wer gut informiert ist, kann mitentscheiden, Verantwortung übernehmen und sich engagiert einbringen.

5. Welche politischen Erfolge oder Entwicklungen wünschen Sie sich, damit gleichberechtigte Teilhabe selbstverständlich wird?

Ich wünsche mir, dass Barrierefreiheit von Anfang an selbstverständlich mitgedacht wird – in Gesetzen, in Institutionen und in der politischen Kultur. Deutsche Gebärdensprache muss überall dort selbstverständlich eingesetzt werden, wo staatliche Kommunikation stattfindet. Zusätzlich brauchen wir bessere Bildungsangebote für gehörlose Kinder und Jugendliche sowie mehr gehörlose Vorbilder in Politik, Medien und Gesellschaft. Mein Ziel ist, dass kommende Generationen nicht mehr erklären müssen, warum sie teilhaben wollen – sondern dass Teilhabe einfach normal ist. Langfristig wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der das Wort „Inklusion“ überflüssig ist, weil gleichberechtigte und vollständige Teilhabe von selbst gelebt werden.