Medizinische Rehabilitation – Strukturen und aktuelle Herausforderungen

Forscher der Firma „California Life Company“ (Calico), einer Tochterfirma von Alphabet inc. zu der auch Google gehört, forschen an der Verlängerung des Lebens. Auch Gesundheit und Wohlbefinden sind zentrale Ziele des Unternehmens. Viele weitere Unternehmen widmen sich in ihren Forschungen Fragen, wie sich das Leben verlängern lässt und sich typische Alterserkrankungen wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz und Diabetes wirksam reduzieren lassen. Ihr Ziel ist, Menschen ein möglichst langes Leben zu bescheren.

Die Rolle der medizinischen Rehabilitation

Langes Leben hängt vor allem davon ab, gesund zu bleiben, gesund zu werden und Selbstständigkeit zu bewahren. Die Erhaltung der Vitalfunktionen und der Gesundheit sind Aufgaben der Akut- und/oder Krankenbehandlung. Das ist viel, aber nicht alles. Lebensqualität heißt auch, ein Teil der Gesellschaft zu sein und an ihr teil zu haben. Das sind wichtige Aspekte, die ein Leben in Selbstbestimmung erst möglich machen. Rehabilitation nimmt hier eine zentrale Rolle ein. Die medizinische Rehabilitation hat die Aufgabe, die Körperfunktionen (wieder-)herzustellen und Aktivitäten zu ermöglichen, so dass Menschen sich in ihrem Alltag zurechtfinden oder wieder zurückfinden. Chronische Erkrankungen und ihre Folgen, ebenso wie Erkrankungen und traumatische Ereignisse lassen jedoch nicht immer eine Wiederherstellung dieser Teilhabe zu. Die Aufgabe der Rehabilitation liegt in diesen Fällen darin, eine Besserung des Zustandes zu erreichen, bereits eingetretene Funktions- und Aktivitätsstörungen soweit möglich zu reduzieren und einer Beeinträchtigung der Teilhabe bzw. dem Auftreten dauerhafter Benachteiligungen, wie einer Pflegesituation, vorzubeugen.

Hintergrund: Medizinische Rehabilitation – Wer ist eigentlich zuständig?
Für Menschen, deren Erwerbsfähigkeit gefährdet ist, ist grundsätzlich die Rentenversicherungzuständiger Reha-Träger für medizinische Leistungen. Bei Reha-Leistungen für Kinder und Jugendliche sowie Altersrentnern mit onkologischer Grunderkrankung besteht eine Gleichrangigkeit der Ansprüche gegenüber der Kranken- und Rentenversicherung. Die Träger der gesetzlichen Krankenversicherung sind in der Regel zuständig bei Reha-Leistungen für Altersrentner sowie für Mütter und Väter (Mutter-/Vater-Kind-Leistungen). Sie sind ebenfalls zuständig bei Reha-Leistungen für Eltern. Die berücksichtigen neben der indikationsspezifischen Ausrichtung insbesondere die psychosoziale Problemsituation von Müttern und Vätern, die sich aktuell in Erziehungsverantwortung befinden. Wenn ein Arbeits-, Schul- oder Wegeunfall oder eine Berufskrankheit maßgeblich ist, dann erbringt die zuständige Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse Leistungen.

Strukturen in der medizinischen Rehabilitation

Leistungen zur medizinischen Rehabilitation werden in Deutschland vor allem von den Trägern der Renten-, Kranken- und Unfallversicherung erbracht. Aber auch die Kriegsopferversorgung und -fürsorge, die Jugendhilfe oder die Träger der Eingliederungshilfe erbringen Leistungen zur medizinischen Rehabilitation. Alleine bei der Deutschen Rentenversicherung sind im Jahr 2016 mehr als 1,6 Mio. Anträge auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation von Versicherten gestellt worden. Davon wurden ca. 68 % bewilligt, 15 % an einen jeweils zuständigen Reha-Träger weitergeleitet und der Rest, meist aus medizinischen Gründen, abgelehnt. Insgesamt erhalten in Deutschland jährlich etwa 2 Mio. Menschen eine medizinische Rehabilitation. Das entspricht einem Marktvolumen von etwa 9 Milliarden Euro alleine für Leistungen zur medizinischen Reha. Diese Ausgaben zeigen Erfolge: Durch Reha-Leistungen bleiben pro Jahr weit mehr als 100.000 Menschen arbeitsfähig, die ohne die Behandlungen aus dem Berufsleben ausscheiden würden. Das lässt sich belegen: 86 Prozent der Rehabilitierten fallen nicht aus, sondern sind zwei Jahre nach der Reha noch in Lohn und Brot. Umso erstaunlicher ist es, dass die Anträge für eine medizinische Rehabilitation in den vergangenen Jahren rückläufig waren bzw. stagnierten. Dieser sinkenden Inanspruchnahme von Reha-Leistungen sollte entgegengewirkt werden. Denn eine medizinische Rehabilitation lohnt sich nicht nur für die Patienten. Sie lohnt sich auch für die Volkswirtschaft, weil sie deutlich billiger als Rente und Pflege ist. Nach vier Monaten habe sich eine Reha-Maßnahme (mittlere Kosten: rund 4530 Euro) im Durchschnitt amortisiert, wenn der Patient anschließend wieder in das Arbeitsleben einsteigt, so der Reha-Bericht 2018 der Deutschen Rentenversicherung.

Herausforderungen in der medizinischen Rehabilitation

Die Beantragung von Reha-Leistungen ist aus Sicht von Medizinern und anderen Experten noch zu aufwendig. Diverse Verordnungen und Antragsformulare– jeder Reha-Zweig hat seine eigenen. Mit Blick auf den Menschen und seine Bedarfe entsteht so eine vermeidbare Hürde. Denn Reha-Bedarf ist im Einzelfall oft vorhanden und sollte schnell und zielsicher aufgenommen werden, um die nötige Rehabilitation einzuleiten. Bezogen auf die Gesellschaft wird der Reha-Bedarf in Zukunft noch weiter wachsen. Das hat Gründe: das Alter, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit oder die Veränderung des Morbiditätsspektrums mit z. B. chronischen Erkrankungen. Aber auch der erhöhte Reha-Bedarf der geburtenstarken Jahrgänge der 1950er/60er Jahre oder die Einführung neuer Behandlungsmethoden sind Faktoren, die das Reha-System in Bewegung halten und permanente Überprüfung und Veränderungen von den Akteuren einfordern. Daneben beanspruchen weitere Anforderungen tagtäglich aufs Neue das Reha-System: Wachsende Ausgaben für einzelne (Teil-)Leistungen, ein Trend zur Ambulantisierung, neue Diagnostik und Prävention. Zudem verändern vor allem Demografie, Entwicklungen und Umwelteinflüsse die Erkrankungs- und Verletzungssituation und somit auch nötige Reha-Angebote für die Menschen. So ist z. B. ein Anstieg psychischer Erkrankungen zu verzeichnen, die insgesamt eine Veränderung der Strukturen bedingt (Tabelle 1).

Gesellschaftliche Ansprüche an die Rehabilitation

Der überwiegende Teil medizinischer Rehabilitationsleistungen wird zwar nach wie vor stationär erbracht, doch ihr Anteil sinkt. Anforderungen aus Alltag, Familie, Pflege und veränderten Rollenbildern machen es notwendig, dass Patienten nach ihren Reha-Anwendungen abends wieder nach Hause zurückkehren (wollen). Ambulante Leistungen haben sich im Zeitraum von 2000 bis 2016, alleine auf die Rentenversicherung bezogen knapp versechsfacht. Konkret sind das mehr als 148.000 Leistungen im Jahr. Aber die Reha-Träger stellen sich vermehrt darauf ein. Die Erweitere Ambulante Physiotherapie (EAP) oder eine ambulante Arbeitsplatzbezogene Muskuloskeletale Rehabilitation (ABMR) sind z. B. Angebote der Unfallversicherung, um diesen Trend zu begegnen. Eine neue Form der Rehabilitation stellt die ambulante-mobile Rehabilitation dar. Diese Form der Rehabilitation wird insbesondere in der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht. Sie findet in der Wohnung des Patienten oder in einem Pflegeheim statt. Dabei steht das gewohnte Wohnumfeld des Patienten im Fokus, weil nur dort die Rehabilitationsfähigkeit und eine positive Rehabilitationsprognose festgestellt werden können. Auch das Online-Portal der Deutschen Rentenversicherung (www.nachderreha.de) ist ein Beitrag, den Betroffenen nach einer Reha Angebote in seiner Lebenswelt und seinem Sozialraum aufzuzeigen.

Qualitätsanspruch der Rehabilitation

Mit Blick auf die Forschung lässt sich feststellen, dass große Fortschritte, die die durchschnittliche Lebenserwartung massiv steigerten bislang nicht erzielt wurden. Akut- und Krankenbehandlung sowie medizinische Rehabilitation sind und bleiben daher besonders bedeutsam. Reha ist präsent, sie steht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. BTHG, Flexirentengesetz und die stärkere Verankerung des bio-psycho-sozialen-Modells sind Entwicklungen, die dies untermauern. Die medizinische Rehabilitation ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des deutschen Gesundheits- und Sozialwesens. Denn auch die Rehabilitation muss sich den rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt stellen. Die Wirksamkeit medizinischer Rehabilitationsleistungen hängt maßgeblich von ihrer Qualität ab. Es geht darum, Störungen der Funktion und sozialen Beeinträchtigungen vorzubeugen, sie zu beseitigen, zu verbessern oder zu kompensieren. Kurz: Teilhabe und Lebensqualität sichern.