BAR-Symposium "20 Jahre Neurologisches Phasenmodell"

Alles hat seine Phase

„Der Hintergedanke bei meinem Buch war eigentlich, dass sonst keiner glauben wird, was mir passiert ist, dieses ‚komplett Rausfallen‘ aus Allem. Und dann was in den Händen zu haben, um anderen weiter zu geben: Okay, es gibt ganz schwierige Phasen, aber man übersteht es am Ende auch“. Kim-Vanessa Mathes hat nach einer Hirntumor-OP die Akutklinik, Frührehabilitation und weitere neurologische Rehabilitation durchlaufen. Beim Symposium zum Neurologischen Phasenmodell, das am 5. Oktober 2015 in der BAR-Geschäftsstelle in Frankfurt stattfand, las sie aus ihrem Buch vor. Gemeinsam mit Experten, Wegbegleitern, betroffenen Menschen und Angehörigen wurde dort das 20-jährige „Jubiläum“ des Phasenmodells gefeiert.

Rund 800.000 Menschen leben heute in Deutschland mit den Folgen einer erworbenen Hirnschädigung. Schädelhirnverletzungen, Schlaganfälle, entzündliche Hirnerkrankungen und Hirntumore sind dafür verantwortlich, dass für diese Menschen nichts mehr so ist, wie es vorher war. Die Gruppe der Menschen mit neurologischen Erkrankungen ist allerdings ausgesprochen heterogen. Das macht die Notwendigkeit einer Systematik für die Versorgungsgestaltung deutlich, wie sie das Neurologische Phasenmodell bietet. Menschen mit erworbener Hirnschädigung brauchen eine besondere Art der Rehabilitation.

Idee des Symposiums war es, interessante Inputs mit einem regen Austausch zu verbinden. Markus Hofmann, amtierender Vorstandsvorsitzender der BAR, äußerte in seinem Grußwort den Wunsch nach Anregungen, die auf Ebene der BAR weiter bewegt werden können.

Mit einem Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre bot das Symposium eine aktuelle Standortbestimmung der neurologischen Rehabilitation in Deutschland. Moderatorin Astrid Jaehn von der zeichensetzen Medienagentur (Berlin/Wetzlar) führte durch das Programm.

Wo kommen wir her?

Die Entstehungsbedingungen des Neurologischen Phasenmodells vor 20 Jahren schienen günstig: Politischer Druck seitens der Betroffenen und ihrer Angehörigen flankierten die Entwicklung neuer Versorgungsansätze. Wegbegleiter der ersten Stunde wie Prof. Dr. Paul Walter Schönle (Maternus Klinik) und Dr. Rolf Buschmann-Steinhage (DRV Bund) machten deutlich, wie das ursprünglich in der Rentenversicherung entwickelte Modell durch die Beratungen auf BAR-Ebene seine kostenträgerübergreifende Wirkung entfalten konnte. „Das Phasenmodell zeigt, dass eine hohe Motivation und Dynamik der Beteiligten über einen langen Zeitraum nötig sind, aber auch ihre Früchte tragen“, so BAR-Geschäftsführerin Dr. Helga Seel.

Wo stehen wir?

Dem historischen Abriss folgten verschiedene Perspektiven auf den aktuellen Stand. Dr. Alexander Loevenich (MDK Nordrhein) beleuchtete die „Dauerbaustelle Krankenhaus“ aus Sicht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Im Bereich der Frührehabilitation treten Diskrepanzen zwischen dem Neurologischen Phasenmodell und dem Abrechnungssystem der diagnosebezogenen Fallgruppen auf, die die Verlegung in geeignete Einrichtungen erschweren. In der ärztlichen und gutachterlichen Praxis habe sich das Phasenmodell mit seinen vergleichsweise klaren Kriterien jedoch bewährt.

Welche Möglichkeiten es im Bereich der Neurologie heute gibt, wurde durch die Schilderungen zweier Rehabilitandinnen deutlich: Kim-Vanessa Mathes und Heike Schaber haben sich mit medizinischen und beruflichen Reha-Maßnahmen den Weg (zurück) in den Beruf erarbeitet.

Die Podiumsdiskussion der Leistungserbringer drehte sich dementsprechend um die Phasen D und E. Hier wurde ersichtlich, dass die Versorgung mit ambulanten Rehabilitationsleistungen noch sehr lückenhaft ist. Insbesondere in ländlichen Gegenden kann dies durch die Bildung regionaler Netzwerke gelöst werden. Die persönliche und intensive Kommunikation mit den Betroffenen, ihrem sozialen Umfeld und insbesondere mit Arbeitgebern und Arbeitskollegen bleibt dabei unersetzlich.

Wo wollen wir hin?

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Maßgaben der UN- Behindertenrechtskonvention wurden die Weiterentwicklungsbedarfe und -möglichkeiten der neurologischen Rehabilitation angeführt. Helga Lüngen (ZNS Hannelore Kohl Stiftung) berichtete aus der langjährigen Beratung von Betroffenen. Die Sicherung der erreichten Rehabilitationserfolge durch integrierte Versorgungskonzepte und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven hob sie als besonders dringliche Anliegen hervor. „Zahlreiche Erfolgsgeschichten zeigen: Es lohnt sich dranzubleiben!“, so Lüngen.

Solche Ansatzpunkte für weitere Verbesserungen wurden in der abschließenden Diskussionsrunde mit Vertretern der Rehabilitationsträger aufgegriffen. Für die Inklusion im Arbeitsleben und die nachhaltige Teilhabe am Leben in der Gesellschaft gilt es vor allem wohnortnahe Reha-Angebote zu stärken. Praktisch muss dies hineinwirken in die Ausgestaltung der Phasen E und auch F sowie der ambulanten neurologischen Rehabilitation. Bei einer möglichst frühzeitigen beruflichen Orientierung nach dem Prinzip „Reha vor Rente“ möchte sich auch die Bundesagentur für Arbeit mehr engagieren.

Insbesondere die Beratung - bei schweren Beeinträchtigungen auch eine kontinuierliche Begleitung der Betroffenen - und eine stärkere Unterstützung für Angehörige waren abschließend noch einmal Thema. Da Beratung sich nicht nur auf medizinische Aspekte, sondern vor allem auch auf Teilhabe beziehen muss, wurde die Rolle der Hausärzte in dieser Hinsicht kontrovers diskutiert. Grundsätzlich seien aber die bestehenden Strukturen und Konzepte besser zu nutzen bzw. auszubauen statt immer wieder neue zu schaffen.

In ihrer Schlussbetrachtung betonte Dr. Helga Seel als Geschäftsführerin der BAR die Bereitschaft, die erforderliche dynamische Entwicklung des Systems auch weiterhin auf BAR-Ebene zu betreiben. Die Möglichkeiten der BAR umfassen nicht nur spezifische Empfehlungen zur neurologischen Rehabilitation oder indikationsbezogene Informations- und Fortbildungsangebote für Fachkräfte. Auch die Erarbeitung gemeinsamer personenzentrierter Standards, beispielsweise zur Beratung oder zum Fallmanagement, spielt für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen eine große Rolle. Die Worte mit Leben zu füllen, so Dr. Seel, liege dann in der Verantwortung aller Beteiligter.

Fotos der Veranstaltung